Ein geformter Körper: Aikido als Bewegungskunst

Kraft- und Beweglichkeitstraining ist für das Aikido unverzichtbar. Hier übe ich den diagonal stretch.

Unser Körper ist nicht auf das Aikido-Training vorbereitet – und doch schenken wir ihm im Aikido selten unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. Warum ich das Körpertraining als elementaren Bestandteil des Aikido ansehe und welche Übungen helfen, unseren Körper wieder ins Lot zu bringen, lest ihr in diesem Artikel.

9,3 Stunden. So viel Zeit verbringen Erwachsene im Durchschnitt pro Tag mit einer modernen Form der Inaktivität: dem Sitzen (zur Quelle). Ob auf dem Bürostuhl in der Arbeit oder der Couch zu Hause, ob im Auto oder der Bahn – für viele lebt es sich zumeist vom Allerwertesten aus.

Das ist in gewisser Weise seltsam. Schließlich sind wir heutzutage so viel unterwegs wie nie, reisen quer durchs Land und jetten rund um den Globus. Aber bei aller Mobilität: Wir bewegen uns ja meist durch die Welt, ohne uns selbst zu bewegen. Wir werden bewegt – von Autos, Züge, Rolltreppen und Co.

Der Körper dringt nur noch zu uns durch, wenn es irgendwo klemmt, schmerzt oder sticht.

Während unser Körper beim Sitzen erschlafft, übernimmt unser Geist die Arbeit. Die Folgen dieser permanenten kognitiven Dominanz sind nur zu bekannt. Rückenschmerzen eine Volkskrankheit. Absorbiert in Emails, Excel-Tabellen und Messengers entschwindet unser Körper aus unserem Bewusstsein. Er dringt dann nur noch zu uns durch, wenn es irgendwo klemmt, schmerzt oder sticht.

Der Appell von Krankenkassen und das Bedürfnis nach Bewegung ist da nur zu verständlich. Und so entscheiden sich viele Menschen fürs Joggen, Radeln oder Fitness-Training – und manchmal eben auch dazu, in einem Aikido-Dojo vorbeizuschauen. Nicht selten ist dabei das Motiv: Bewegung als Kompensation für einen Mangel an Bewegung.

So weit, so ungut. Denn wir bewegen uns nicht nur zu wenig, sondern der Alltag formt unseren Körper. Er passt sich förmlich unserer Schreibtischarbeit an: Die Schultern fallen nach vorne, das Sixpack ist höchstens noch zu erahnen, die Po-Muskulatur schwächelt, die vordere Körpermitte (v.a. der Hüftbeuger) zieht sich zusammen.

Ein nicht gestimmtes Instrument

Wir betreten also keineswegs unbelastet die Matte. Nein, wir tragen vielmehr unseren Alltag mit ins Dojo hinein. Er hat sich – und je älter wir werden, desto mehr – in unseren Körper eingeschrieben. Üben wir nun mit diesem Körper Aikido, dann ist ein wenig so, als ob wir versuchen, auf einem nicht gestimmten Instrument zu spielen.

Diese „Verstimmtheit“ unseres Körpers scheint mir in der Aikido-Welt zu wenig beachtet zu werden. Denn die entscheidende Frage ist doch: Können wir durch das reine Aikido-Training unseren Körper stimmen? Ich denke: Nein. Wenn wir ein Musikinstrument lernen wollen, dann üben wir ja auch nicht auf einem ungestimmten Klangkörper. Vielmehr lernen wir – zumindest bei Saiteninstrumenten –, das Instrument zunächst zu stimmen.

Üben wir mit unserem Alltags-Körper Aikido, dann wird unser Aikido auch dem eines Alltags-Körpers gleichen: Der Körper ist verspannt, die Aufgerichtetheit ist mit Mühe hergestellt; der Geist ist unruhig, wir zwingen uns in eine künstliche Ruhe. Gutes Aikido aber basiert auf einem „Aikido-Körper“, einem Körper, der sich grundlegend um die Techniken und Prinzipien des Aikido herum organisiert hat. Erst dann macht es überhaupt Sinn, von „natürlichen Bewegungen” zu sprechen, wie es in der Aikido- und Kampfkunst-Welt manchmal geschieht.

Unser Körper ist selten – und genau genommen nie – in einem offenen Zustand. Einem Zustand, in dem er bereit ist, wirklich etwas Neues zu lernen.

Na gut. Ob es so etwa wie „natürliche Bewegungen“ überhaupt gibt, bleibt zu klären. Was aber klar ist: Der Alltags-Körper, unser vom Alltag verstimmtes Instrument, tut sich schwer damit. Unser Körper ist selten – und genau genommen nie (und etwas weniger genau genommen: je älter wir werden, immer seltener) – in einem offenen Zustand. Einem Zustand, in dem der Körper bereit ist, wirklich etwas Neues zu lernen, sich neu zu organisieren.

Zumutungen für unseren Körper

Das, was wir im Alltag machen, ist aber nur eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist ebenso relevant: das Aikido-Training selbst. Auch dieses hat es in sich: Wir üben im Training zahlreiche Drehbewegungen, sitzen zuweilen lange auf den Fersen, rollen über oder fallen auf die Matte, verhebeln die Gelenke. Aikido mutet unserem Körper einiges zu.

Mich überrascht es daher – und mein Körper musste das leib- und leidhaft erfahren –, dass Aikido so selten als eine athletische Kunst beschrieben wird. Häufig lese ich beispielsweise, Aikido sei eine Kunst, die unabhängig vom Alter ausgeübt werden könne. Dem würde ich zwar ausdrücklich zustimmen, aber eben nur unter einer Bedingung: dass Aikido auch eine Zumutung ist. Oder positiv gewendet: dass es notwendig ist, unseren Körper aufs Aikido-Training vorzubereiten.

Um einem womöglich angeführten Gegenargument direkt den Wind aus den Segeln zu nehmen: Klar, wir können sagen, anspruchsvolle Bewegungen wie das Gehen auf den Knien (shikko) ist für das Aikido nicht wesentlich (oder das Rollen, Fallen, Hebeln etc.). Das kann man so sehen. De facto aber ist es Teil des Trainings. Und was ist Aikido nicht zuletzt anderes, als das, was auf der Matte praktiziert wird?

Den Körper ins Lot bringen

Aus dem Bisherigen folgt für mich eines: Das Training muss damit anfangen, den Körper neu zu justieren, wiederherzustellen, einzustellen. Ich nenne dies die Re-Set-Phase. Damit geben wir dem Körper die Chance, Aikido im engeren Sinne üben zu können.

Warum Re-Set? Es geht darum, die Spuren des Alltags zu verwischen (Reset) und zugleich neue Pfade anlegen, auf denen wir den Weg des Aikido gehen können (Reset).

Die Wieder-Herstellung des Körpers ist ein langer Prozess. Wir brauchen Geduld – immer und immer wieder.

Die Wieder-Herstellung des Körpers ist ein langer Prozess. Wir brauchen Geduld – immer und immer wieder. Je häufiger bestimmte Bewegungsmuster genutzt wurden, desto tiefer haben sie sich in unserem Körper eingegraben. Es ist wie mit einem Trampelpfad, der, wenn er erstmal angelegt und immer wieder benutzt wurde, zu einem Weg wird – und warum sollte man sich dann durchs Dickicht kämpfen? Es reicht also wohl oder übel kaum aus, sich ab und an ein wenig zu bewegen und ernsthaft zu glauben, damit die 65 Stunden Sitzen pro Woche auszugleichen.

Daher sollten wir uns zunächst auf wenige, ganz basale Grundbewegungen konzentrieren. Mich haben dabei die folgenden Übungen des Bewegungskünstler Ido Portal, Gründer der movement culture, am meisten überzeugt:

  1. Das (Aus-)Hängen. Das passive Hängen an einer Stange oder an Ringen lehrt uns die Aufrichtung – und zwar durch Entspannung. Wir lassen die Schwerkraft für uns arbeiten. Das weitet all die Bereiche vor allem des oberen Körpers, die durchs Sitzen verkürzt sind. (Hier eine Anleitung.)
  2. Die diagonale Dehnung (diagonal stretch). Diese Dehnübung ist das Schweitzer Taschenmesser für die Probleme unseres Sitz-Körpers. Die Übung ist sowohl öffnend, als auch kräftigend. Das bereitet den Körper sehr effektiv auf Extrempositionen vor: Da die Muskulatur in einer „außeralltäglichen“ Position gekräftigt wird, verinnerlicht unser Körper, dass er keine Angst mehr vor dieser Position zu haben braucht – für das Aikido-Ukemi ist das äußerst hilfreich. Ohne diese „muskuläre Sicherheit“ verspannen wir schnell statt die Energie etwa eines Wurfes aufzunehmen. (Eine Video-Anleitung.)
  3. Die Hocke. Eine schlichte, doch unabdingbare Übung für die Bewegung hin zum Boden. Die Hocke ist die entgegengesetzte Position zum Hängen. Wir dehnen auch hier viele Bereiche und lernen zugleich eine „natürliche“ Ruhepose (man schaue nur Kindern beim Spielen zu!). Für die Fallschule ist das Üben der Hocke eine gute Basis, denn wir nähern uns so ganz entspannt dem Boden. Der Fall wird ein Gleiten. (Video)
  4. Die Spinal Waves. Das vielseitigste Gelenk unseres Körper (mehr als 30 Wirbel) können wir durch unseren monotonen Alltag nur unzureichend artikulieren. Wir nehmen daher Kraft ungelenk auf oder erzeugen Kraft ineffizient. Dadurch belasten wir unseren Rücken einseitig. Spinal Waves helfen, den Rücken zu stärken, zu flexibilisieren und Wellen und Kreise im Körper zu erzeugen, die fürs Aikido wichtig sind. (Neben einem Video von Ido Portal empfehle ich hier v.a. Jon Yuen.)

Das Üben von Extrempositionen (also vor allem 1. und 3.) hat auch eine fast philosophische Begründung: Ich bin davon überzeugt, dass das Unspektakuläre, die Mitte, von der wir im Aikido immer sprechen, in zwei Formen möglich ist: in einer unfreien „begrenzten Mitte“ und in einer offenen „extremen Mitte“. – Doch darum soll es ein andermal gehen.

Fazit

Aikido ist vieles. Und sicherlich eines: eine Bewegungskunst, eine Kunst des Körpers. Und damit sich Aikido dauerhaft in unserem Körper entwickeln kann, müssen wir unseren Körper von den Spuren des Alltags zumindest ein wenig befreien – und ihn auf die Zumutungen des Trainings vorbereiten.

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