Ein Labyrinth namens Aikido

Aufgerollter Gürtel (obi)

Manchmal muss man erst mal einen Schritt zurücktreten, um vorwärtszukommen. Zum Auftakt meiner kleinen Serie „Was ist Aikido?“ geht es daher erst mal weniger ums Aikido als vielmehr um den ersten Teil der Frage: „Was ist…“.

Es gibt im Buddhismus eine bekannte Lehrrede. Der Buddha erzählt die Geschichte eines Mannes, der auf seiner Reise ein Floß verwendet, um von einem Ufer zum anderen zu gelangen. Wieder auf dem Festland angekommen, schleppt er es weiter mit sich. Schließlich hatte es ihm gute Dienste geleistet. An dieser Stelle fragt der Buddha seine Gefolgschaft, ob dieser Mann klug handele.


„a raft, for the purpose of crossing over, not for the purpose of holding onto.“

– Siddhartha Gautama / Buddha

Die Frage ist natürlich rhetorisch gemeint, schließlich wandert es sich mit einem Floß auf dem Rücken recht beschwerlich. Aber es geht ja natürlich in der Lehrrede um etwas anderes. Mit dem „Floßgleichnis“ warnt Buddha davor, seine Lehre mit ihrem Zweck, die Menschen vom Leid zu erlösen, zu verwechseln. Anders gesagt: Der Zweck einer Theorie oder eines Modells ist eben nicht die Theorie oder das Modell selbst. (Mehr zum Floßgleichnis.)

Lange Vorrede und ein ziemlich gewagter Sprung zum eigentlichen Thema dieses Beitrags und zur Frage: Was ist Aikido? Aber gerade bei einem Unterfangen wie diesem finde ich das Gleichnis hilfreich. Denn ich will im Folgenden zunächst zwei Denk-Hilfen formulieren, die mir immer mal wieder helfen, die Dinge etwas klarer zu sehen. Aber – und jetzt schließt sich hoffentlich der Kreis zumindest ein wenig – diese Denk-Hilfen sind eben nur Hilfsmittel. Krücken, die ein wenig dabei helfen vorwärtszukommen. Ich habe sie nicht bis ins Letzte durchdacht, aber sie erfüllen hoffentlich ihren Zweck.

Ihr wichtigster Zweck ist es, einer Versuchung zu widerstehen. Der Versuchung nämlich, Dinge und damit auch Aikido zu eng zu sehen oder zu sehr auf eine Idee oder auf ein Konzept zu fixieren. Das beengt mich – und hat auch ganz praktische Kehrseiten. Aber der Reihe nach.

Krücke 1: vieles notwendig, nichts hinreichend

Einer meiner liebsten Krücken ist eine philosophische Unterscheidung: die zwischen einer notwendigen und einer hinreichenden Bedingung. Diese kommt zwar aus der Kausalitätstheorie – Ursachen und Bedingungen von Ereignissen und so –, aber ich finde, sie lässt sich auch für die Frage anwenden, die hier im Raum steht. (Mehr zu den beiden Bedingungen gibt es übrigens hier).

Stellen wir uns vor, ich habe Hunger und möchte etwas essen. Da ich gerade eine Packung Schokolade gekauft habe, greife ich direkt zu. Ich werde zwar einige Stücke essen müssen, bis ich satt geworden bin, aber irgendwann werde ich es sein – wohl oder übel. Die Schokolade genügt also, um satt zu werden. In diesem Sinne ist das Wort „hinreichend“ gemeint: Schokolade ist eine hinreichende Bedingung dafür, dass ich satt werde. Aber sie ist keineswegs eine notwendige Bedingung. Schließlich hätte ich auch etwas anspruchsvoller sein können und mir einen Topf Nudeln kochen können. Kurzum: Die Schokolade ist eine hinreichende, aber keine notwendige Bedingung fürs Sattwerden.

Stellen wir uns nun vor, ich möchte nach dem Essen noch einen Tee trinken. Glücklicherweise habe ich beim Einkauf auch losen Grüntee mitgenommen. Freudig nehme ich die Teekanne hervor, hole meine Lieblingsschale dazu – und dann fällt es mir wieder ein: Der Wasserkocher hatte doch seinen Geist aufgegeben! Und ohne heißes Wasser gibts nun mal keinen Tee! Zwar ist der Grüntee notwendig dafür, dass ich mir einen Tee kochen kann, aber die Blätter reichen nicht aus. Ich brauche noch einiges mehr: die erwähnte Kanne ebenso wie das Wasser in entsprechender Temperatur. Kurzum: Grüntee-Blätter sind zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für den Grüntee-Genuss.

Was bringt diese Unterscheidung – zwischen hinreichender und notwendiger Bedingung – für die Frage nach der Definition von Aikido? Eine ganze Menge! (Und nicht nur dafür!) Erstens: Die Unterscheidung zwingt uns zu fragen, was wirklich notwendig ist (Techniken? Hakama? Etikette?). Und zweitens: Wir sollten nicht zu schnell denken, dass Aikido so einfach hinreichend bestimmt werden kann.

Nehmen wir zum Beispiel die von Jon Stevens vorgeschlagene Übersetzung von Aikido als „Kunst des Friedens“ (engl. „Art of Peace“). Hier haben wir es meines Erachtens ganz eindeutig mit einer notwendigen Bedingung von dem zu tun, was Aikido ist. Auch ich würde Jon Stevens zustimmen, dass ohne den Aspekt der Friedfertigkeit Aikido kein Aikido ist.

Aber ist die Friedfertigkeit auch hinreichend? Keineswegs! Denn um Aikido auszuüben, müssen noch ganz andere Bedingungen erfüllt sein: Wir müssen beispielsweise unseren Körper bewegen können, müssen Übungspartner*innen haben etc. pp. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen: Es gibt sie nicht, die eine hinreichende Bedingung für Aikido. Der Zweck der ersten Krücke ist es also: Wir sollten uns vor einfachen und wohlklingenden Definitionen des Aikido hüten.

Krücke 2: Das Besondere ist nur eine Differenz

Es war vor einigen Jahren in einem Uniseminar, in dem ich das Vergnügen hatte, einen bekannten Text von Aristoteles zu lesen. (Wem’s nun zu philosophisch wird, kann gerne zum Ende des Abschnitts springen).

Aristoteles fragt in dem damals gelesenen Text, wie das Glück oder das gute Leben des Menschen inhaltlich zu bestimmen sei. (Ja, wieder ein Thema, das erst mal nicht wirklich was mit Aikido zu tun hat – aber der Gedanke ist sehr hilfreich, ich verspreche es!) Seine Argumentation fand ich schon damals bemerkenswert. Aristoteles bestimmt das Glück oder das gute Leben nämlich über die Differenz des Menschen zu anderen Lebewesen. Sprich: Der Mensch solle sich dessen bedienen, was ihn besonders und einzigartig mache. Bei einem Flötenspieler, so sein Beispiel, käme es ja auch darauf an, die Flöte gut zu spielen. Und deshalb sei das gute Leben beim Menschen eben darin bestimmt, die ihm eigentümliche Vernunft zu entwickeln.

Irgendwie überzeugte mich damals der Gedankengang – sowohl, dass er nach dem Besonderen im Menschen sucht, um ihn zu bestimmen, als auch, dass er daraus eine Handlungsmaxime ableitet. Schließlich bin ich ja auch Teil einer Gesellschaft, in der das Talent gar als „Wettbewerbsvorteil“ hochgehalten wird und in der wir alle einzigartig und authentisch sein wollen.

Und doch überzeugte mich das Argument auch nicht. Warum, so fragte ich mich und die anderen Teilnehmenden damals, sollte denn gerade die Differenz zu anderen die Grundlage für das eigene Selbstverständnis und den gelingenden Lebensvollzug sein? Oder anders gesagt: Das Argument scheint mir eben nur plausibel unter genau der heimlich geführten Annahme zu sein, dass das Besondere eben ganz besonders ist.

Ende des philosophischen Exkurses. Der Zweck der zweiten Krücke ist daher: Das Besondere an einer Sache mag vielleicht besonders spannend, dem Selbstbewusstsein dienlich und gut zu vermarkten sein. Aber es taugt meiner Ansicht nach weder dazu, eine Sache umfassend zu verstehen, noch als Ausgangspunkt für weitreichende Schlussfolgerungen.

Aikido ist vieles – und ein Labyrinth

Die oben vorgestellten Krücken sind keine philosophischen Spitzfindigkeiten. Alles andere als das. Denn das Aikido-Training reflektiert unsere Vorstellungen, die wir uns vom Aikido machen. Konzentrieren wir uns etwa nur auf das, was Aikido von anderen Kampfkünsten unterscheidet, dann laufen wir schnell Gefahr, Aikido zu isolieren, dass Aikido ein geschlossenes System wird.

Um es etwas konkreter zu sagen: Setzen wir einen Aspekt in den Mittelpunkt – mag er auch der besondere und der scheinbar hinreichende sein –, dann tendieren wir dazu, andere Aspekte zu vernachlässigen oder ein rein instrumentelles Verhältnis zu ihnen zu entwickeln. Nehmen wir beispielsweise die Rolle des Körpers. Mich überraschte immer wieder, wie wenig Zeit im Aikido-Training dem Aufwärmen, Kraft- oder Mobilitätstraining gewidmet wurde. „Zu wenig Zeit“, „Kraft ist im Aikido irrelevant“, „auf der Straße macht man sich ja auch nicht erst warm“ – so oder so etwa lauteten die Begründungen, die ich dann hier und dort aufschnappte.

Oder nehmen wir die Rolle der Übungspartner:innen. Sehen wir unser Gegenüber nur als Mittel zum Zweck an, dann entsteht eine andere Beziehung, als wenn wir unser Gegenüber als notwendige Bedingung für Aikido anerkennen. Das ließe sich natürlich weiterspinnen bzw. umdrehen (und dann würde es wirklich Aikido-like): Wenn wir eine Kampfkunst lieben, dann können wir den Angriff zumindest nicht hassen. (Dazu aber irgendwann mal mehr.)

Für mich machen aber gerade diese Facetten – und noch viele mehr – gerade den Reiz des Aikido aus. Aikido ist ein Labyrinth. Man schlägt einen Weg ein, etwa den der Techniken, – und doch geht man diesen Weg nicht ganz; man schlägt einen anderen Weg ein, etwa den der inneren Haltung, – und doch geht man diesen Weg nicht ganz. Denn wenn man die Wege ganz gehen würde, dann wäre es kein Aikido mehr.

In den kommenden Beiträgen versuche ich daher nicht, nach dem hinreichend Besondern im Aikido zu suchen. Aikido neu zu denken heißt für mich auch, es breiter zu denken. Im nächsten Artikel soll es deshalb um eine in den meisten anderen Sportarten und Kampfkünsten ganz selbstverständlich akzeptierte Bedingung gehen: die eines geschulten Körpers. Aikido ist eine Körperkunst – freilich als eine notwendige und nicht als hinreichende Bedingung verstanden.


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6 Kommentare

  1. Hallo Jacob,

    ich verwende den Terminus „BEDINGUNGEN“, bleibe dabei aber vage. Einerseits habe ich zwar in etwa eine Idee von dem, was ich meine (sollte zumindest so sein). Andererseits liegen Bedingungen im weiteren Sinne (z.B. eines Experiments) nicht nur im Aufbau, sondern auch in Durchführung und Interpretation. Bereits im Vorfeld der eigentlichen Studie gibt meine Hypothese Bedingungen vor (ganz zu schweigen von „hidden agendas“ oder selbsterfüllenden Prophezeiungen, Einfluss verschiedener Biographien…). Korrekterweise müsste ich zumindest verschiedene „Arten?“ der Bedingungen voneinander abgrenzen – will ich nicht Aussagekraft und Verständlichkeit schwächen. (– Natürlich wäre dabei auch eine Unterscheidung von „hinreichend“ und „notwendig“ nicht abwegig. ;-))

    Didaktik ist, wie ich finde, ein zentraler Punkt – da bin ich ganz bei Dir. Gelingt die Vermittlung? Ist die Art der Vermittlung konform mit der Philosophie des Aikido? Vermitteln wir die richtigen Inhalte?

    In Bezug auf meine „REGAL“-Analogie sehe ich zwei Aspekte. Der eine davon wäre die Frage, ob Aikido eine Kampfkunst ist. Meine Aufmerksamkeit geht jedoch vorrangig in eine andere Richtung: der Blick auf die Beschriftung des Regalfaches. Ist „Kampfkunst“ als Label nicht nur korrekt, sondern beschreibt die Kategorie auch „hinreichend“ den Inhalt des Faches und somit Aikido?

    Abhängig vom Blickwinkel lässt sich Aikido in diverse Schubladen einsortieren. Ich denke an Etiketten wie Sport, Kampfkunst, Selbstverteidigung, Philosophie, Weltanschauung, Verhaltenstherapie usw. Auch im Getränkemarkt finde ich Bier und Mineralwasser nebeneinander bzw. Rum unweit von Saft und Cola. Wir teilen nahezu umfassend die Annahme, dass all dies Getränke sind. Und doch würden wir nicht jedes Getränk zum reinen Durstlöschen in Erwägung ziehen.
    Wenn Aikido nun in verschiedenen Schubladen zu finden ist – in welcher Lade ist eine treffende Zuordnung erfolgt? Ist die Etikettierung nur aus Mangel anderweitiger Kategorien gegeben? Brauchen wir eine neue Kategorie? Ist Aikido ZU einzigartig? Gibt es DAS Aikido?

    Unter welchem Überbegriff wird Aikido eigentlich vorrangig gesucht und gefunden? Ich bin vielen Menschen begegnet, die überrascht waren von dem, was wir im Aikido praktizieren. Und eine Reihe von Interessierten sind nach einer Weile auch dem Training ferngeblieben. Kann am Lehrenden liegen oder an zeitlichen Gründen – aber eben auch daran, dass die individuelle Vorstellung von Aikido (die sich auch aus der Beschriftung der Schublade speist) nicht vereinbar mit der erlebten Realität war.

    Das Spannungsfeld zwischen Tradition und Relevanz liegt mir sehr am Herzen. Tradition soll wertvolles bewahren und doch kann Tradition auch der Anfang vom Ende sein. Relevanz misst sich am JETZT. Evolution macht in der Regel keine Ausnahmen.

    Während ich dies schreibe, spüre ich ein großes Momentum. Ich denke an die unterschiedlichen Interpretationen des Aikido, die sich auf einer Skala zwischen Daito-Ryu, Yoshinkan zum einen und Ki-Aikido bzw. Ki No Michi zum anderen bewegen. Hinzu kämen noch die Auslegungen jedes einzelnen Lehrenden… Aikido selbst ist ein Überbegriff… Da ist so viel unterschiedliche Musik im Kasten! Eine echte Herausforderung.

    Wie würdest Du eigentlich das Ziel oder den Zweck Deines Blogs beschreiben?
    Ich bin mir sicher, dass – wie es in der Natur einer öffentlichen Diskussion liegt – die Meinungen zu Inhalten variieren. Falls Du (entsprechend einer – vielleicht nur von mir unterstellten – Kern-Qualität des Aikido) beabsichtigst, sachlich und weitgehend harmonisch zu EINEN, dann sehe ich unter Umständen das Erfordernis eines minimalen Konsenses, von dem aus alle Teil- und Wahrnehmenden gemeinsam mit auf Entdeckungsreise gehen. Was meinst Du?

    Gestatte mir noch die Frage danach, welcher Natur Dein Blog ist/sein soll? Gibt es da eine Reihenfolge oder Themenbereiche? Oder soll sich dieses Experiment eher organisch entwickeln – evtl. sogar ergebnisoffen?

    Gunter

    1. Lieber Gunter,
      Ich müsste wohl fast gleich ein Forum noch einrichten, weil so viele spannende Ideen jetzt aufgekommen sind, die eigene Diskussionskanäle auslösen könnten. 🙂

      Mit den Regalen ist eine spannende Analogie tatsächlich. Mir schwebt eine „Neu-Definition“ von Aikido vor, die ich hoffentlich demnächst mal zu Papier bringe. Also nicht im Bezug auf die verschiedenen Zutaten, die Aikido mit anderen Künsten, Tätigkeiten teilt, sondern das, was eben jenes Besondere/Einzigartige ist, wohlgemerkt aber eben im Kontext all der anderen „botwendigen Dinge“. Und ich denke, dass auch gerade das zentral ist für das richtige „Erwartungsmanagement“, wie wir Aikido „vermarkten“ und wie sehr wir es dann auch umgesetzt bekommen. Labeln wir es etwa als „Selbstverteidigung“ und dann hat das Training nicht so sehr damit zu tun (zumindest im Standardverständnis), dann ist das wenig überzeugend. Oder Labeln wir es als „Harmonie/Liebe-Weg“ und im Training herrscht eine Macho-Kultur, dann passt das auch wiederum nicht zusammen. Andererseits ist es wahrscheinlich auch so: Vorstellung und Realität müssen einerseits immer abgeglichen werden – und es kann ja auch tatsächlich auch an vielen Gründen liegen, weshalb es einen dann nicht richtig überzeugt…

      Ich würde tatsächlich Aikido wie vieles andere auch erst mal als einen Sammelbegriff sehen und finde es auch ganz wunderbar, dass es so viele verschiedene Strömungen und Stile gibt. Ich würde daher auch (zumindest bisher :D) davon absehen, DAS Aikido bestimmen zu wollen oder eine integrierende Idee zu entwickeln. Ich denke, da gibt es ja zwei Formen von Harmonie: die vereinende und eine eher heterogene. Daher habe ich ja auch einen „Think Tank“ angemacht auf dem Blog, falls andere Aikidoka ihre Ideen mal zu Papier bringen wollen (hast du Lust? :)). Sprich: Mein Minimalkonsens wäre wohl zunächst nur der: Lust am Nachdenken übers Aikido zu haben. Oder habe ich da deinen Impuls falsch verstanden?

      Zum Blog selbst. Ich wollte eigentlich mal einen kurzen Reader schreiben für ein Einführungskurz zum Aikido. Daraus ist dann irgendwie die Idee eines Blogs entstanden. Ich habe eine zur Frage „Was ist Aikido?“ jetzt ein paar Beiträge geplant. Danach schaue ich mal, wie es sich entwickelt. Ich denke, dass ich die von Patrick Cassidy gemachte Unterscheidung (Techniken, Prinzipien, „Perspektiven“) verwende und evtl. noch etwas erweitere (Didaktik, „Gesellschaftliche Bedeutung“ oder so). Woher rührt da dein Interesse (die Frage wurde mir so noch nicht gestellt, daher…)?

      1. Lieber Jacob,

        da alle und alles miteinander verbunden sind, entsteht ein sehr komplexes „Ganzes“. Und sobald ich einen einzelnen Baustein betrachte, führt mich diese Unternehmung unweigerlich über diverse Links zu weiteren Puzzle-Teilen. Oft ertappe ich mich dabei, wie ich ein (scheinbar abgrenzbares) Thema für mich selbst oder auch andere erläutern möchte. Und kurz danach entsteht eine derartige raumgreifende Dynamik, dass es mir schwerfällt, dem Thema zu genügen ohne mich in der Unendlichkeit der verbundenen Elementarteilchen zu verlieren. Addiere ich noch den Anspruch, ein Minimum an Klarheit bzw. Verständlichkeit zu schaffen – dann kann es schon mal passieren, dass ich lieber die Finger davon lasse.

        Meine Frage nach dem zugrundeliegenden Antrieb dieses Blogs zielt genau darauf. Die schiere Menge der Verzweigungen trägt das Potenzial in sich, eine Plattform zu sprengen („gleich ein Forum noch einrichten“). Gerade weil das Thema der Wahl ein so vielschichtiges ist, fühle ich den Wunsch nach einzelnen „verdaulichen“ Happen. Damit gewinne ich das Gefühl, mein eigenes Verständnis zu nähren und zugleich anderen einen Zugang zu gewähren. Falls es also einen wie auch immer gefassten Rahmen für Deinen Blog gibt, dann wäre es mir lieb, mich (zumindest erst einmal) innerhalb dessen zu bewegen.

        Die Unterscheidung nach „Techniken, Prinzipien und Perspektiven“ bietet meiner Meinung nach eine Orientierung. Darin finden sich das WAS und das WIE wieder, ebenso wie dessen Interpretation. Oder was verbirgt sich für Dich hinter „Perspektiven“? Offen bleibt für mich an dieser Stelle das WARUM (falls das nicht mit „Perspektiven“ gemeint ist). Form folgt der Funktion – also welche universelle Orientierung(en) steht/stehen letztlich an der Wiege des Aikido? Sicher lassen sich hierfür mannigfaltige Meinungen finden. Für eine Definition ist insbesondere die Zweckbestimmung wesentlich.

        Gern schaue ich auch mal im „Think Tank“ rein. Momentan fühle ich mich im Blog ganz gut aufgehoben.

        Bin im Übrigen froh über diese Plattform und die Atmosphäre des Austausches. Und ich bin gespannt auf weiteres Input.

  2. Lieber Jacob,

    Dich treibt da eine Sache um, die auch mich starkt beschäftigt.

    Wie Du treffend ausführst kann man sich dem Thema aus verschiedener Richtung nähern. Eine kurze oder „schnelle“ Definition läuft Gefahr, zu kurz zu greifen.

    Was tun wir? Wie tun wir es? Warum tun wir es? Und welcher Bedingungen bedarf es, damit wir den Sinn des Tuns (das WARUM) auch erreichen? Selbst jede einzelne dieser vier Fragen ist bereits vielschichtig…

    Der Versuch einer Bestimmung anhand von Abweichungen (das BESONDERE) grenzt ab, resultiert gleichwohl nicht in einer validen Definition. Jede Sache besteht nicht nur aus dem Delta sondern vielmehr auch aus Teil-Kongruenzen mit anderen Dingen…

    Darüber hinaus stellt sich die berechtigte Frage: Was ist Aikido nicht? oder auch: Was will Aikido nicht? Im MMA – Abschnitt wird das überaus deutlich. Zugegeben, auch dies ist lediglich Abgrenzung.

    Ist Aikido vielleicht im falschen „Regal“ gelandet? Warum ist es artverwandt „abgeheftet“ mit Judo, Karate, Jiu-Jitsu, MMA…? Mich erinnern Vergleiche dieser Art immer auch ein wenig an jemanden, der in eine Werkzeugkiste schaut und feststellt, dass er mit dem Hammer die Schraube nicht festkriegt.

    Ich finde es sehr gut, dass Du die Komplexität der Fragestellung reduzierst und „scheibchenweise“ dem LABYRINTH auf den Grund gehen willst…

    AIKIDO NEU ZU DENKEN heißt für mich: Verstehen, Evaluation, Revision, vielleicht sogar Transformation. Aikido ist schließlich – wie so ziemlich alles – der Evolution unterworfen. Und damit ist jede Definition des Aikido mit einer neuerlichen Halbwertszeit versehen.

    Ohne dieses unerlässliche Qualitätsmanagement (dessen Funktion in anderen Kampfkünsten zumeist über direkten Wettkampf erfüllt ist) bleibt Aikido in Tradition und „einstigem Mythos“ verhaftet. Damit verwässert jedoch tendenziell seine Relevanz für das Hier und Jetzt. Dies würde ich zutiefst bedauern.

    Bin gespannt auf die Fortsetzung Deines Blogs.

    Danke.

    Gunter

    1. Lieber Gunter,

      wie schön von Dir zu hören! Freut mich, dass du auf meinem Blog gelandet bist. Und vielen Dank für deinen Kommentar und die anregenden Gedanken. Es ist ja immer so, mit einem Antwortversuch kommen gleich wieder viele neue Fragen auf… Aber das ist ja auch schön. So finde ich deine Frage nach den „Bedingungen“ etwa inspirierend. Das berührt ja dann das Thema der Didaktik – und der Frage, wie sehr Gedanken und das, was auf der Matte passiert, zusammenpassen. Ein spannendes Feld.

      Ich werde und will schon auch nach dem „Besonderen“ fragen, aber es eben nur als einen der Aspekte von vielen sehen. Würdest du sagen, dass Aikido nicht zur Kategorie „Kampfkunst“ gezählt werden sollten (wegen des Regals)? Entwicklung von Ideen, Perspektiven und Praktiken halte ich auch als zentral – ebenso den Versuch, immer wieder den Versuch zu wagen, etwas zu bestimmen und zukommen, wohl wissend, dass es irgendwann oder schon bald nicht mehr stimmig ist. Das Verhältnis von Tradition und aktueller Relevanz – Aikido wirft einfach so viele Fragen auf 🙂

      Und nicht zuletzt: Dieses „Qualitätsmanagment“… Da schließt sich vielleicht auch der Kreis zu den „Bedingungen“ am Anfang.

      Danke dir für die Gedanken!

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